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Hier die ungekürzte Originalfassung des Autors:

(c) von Bild und Text: Neues Deutschland/Art Kohr

Niederlage am Brett? Da hilft auch kein Sex ...

Nach dem Fußball- und Olympiasommer folgt in Deutschland der Schachherbst. Auftakt ist das WM-Duell zwischen Titelverteidiger Viswanathan Anand und Herausforderer Wladimir Kramnik ab 14. Oktober in Bonn, vier Wochen später beginnt die Olympiade in Dresden. Um Nichteingeweihten das besondere Volk der Schachsportler zu erklären, hat die Großmeisterin VERA JÜRGENS (38) aus Syke bei Bremen das passende Buch zur Saison vorgelegt: "Ticken Schachspieler anders?"
Mit der Bundesligaspielerin spricht der Schachautor ART KOHR.

 

ART KOHR: Sind Schachfans Freaks?

VERA JÜRGENS: Wissenschaftler schätzen, dass rund 20 Millionen Bundesbürger unter der einen oder anderen Form einer seelischen Störung leiden, aber darüber nicht zu reden wagen, weil sie fürchten, als Geisteskranke abgestempelt zu werden. Die meisten dieser Menschen kennen nicht einmal die Schachregeln, sie haben andere Hobbys wie riefmarken sammeln, gärtnern oder Schmetterlinge aufspießen, und niemand käme auf die Idee, diese Hobbys für die psychischen Auffälligkeiten der Betroffenen verantwortlich zu machen. Wenn dagegen ein Schachspieler ein mentales Problem hat, wird sofort seine Schachleidenschaft verdächtigt, die Ursache des Problems zu sein.

A.KOHR: Der erste Weltmeister Wilhelm Steinitz wollte Gott zu einem Match herausfordern, mit einem Bauern als Vorgabe. Der in diesem Frühjahr verstorbene Bobby Fischer fiel nach dem 11. September durch wirren Antisemitismus auf.

JÜRGENS: Leider hat eine Handvoll exzentrischer Genies das Image unseres Sports negativ beeinflusst. Mit der Folge, dass die Legende weit verbreitet ist, ausschließlich verhaltensgestörte Menschen mit einer unkonventionellen Denk- und Lebensweise könnten große Spieler werden.

A.KOHR: Das beruhigt. Trotzdem raten Sie einem Paar, bei dem nur einer der Partner Schach spielt, davon ab, einen gemeinsamen Urlaub mit der Teilnahme an einem Turnier zu verbinden. Obwohl manche Wettbewerbe an beliebten Ferienorten stattfinden, wie das alljährliche Open des Bangkok Chess Clubs oft in Phuket.

JÜRGENS: Die zwei sehen die Reise eben aus einer gegensätzlichen Perspektive. Der schachspielende Part möchte sein ELO-Rating wenigstens halten und lieber noch verbessern, aber auf keinen Fall verschlechtern. Als Folge wird der Laptop, der dem Kandidaten hilft, sich auf das nächste Match vorzubereiten, rasch bester Freund und Sparrings- sowie virtueller Gesprächspartner. Mit dem der Mann ausgerechnet während dieser Urlaubstage intensiver kommuniziert als mit seiner Freundin.

A.KOHR: Offenbar ist da, wie wir Ihrem Buch entnehmen, auch die Verabredung mit anderen Turnierteilnehmern in Pausen zwischen den Runden wenig hilfreich.

JÜRGENS: Eine Begleiterin, für die Schach weder Kunst noch Wissenschaft, sondern einfach bloß ein Spiel ist, kann sich rasch völlig deplatziert fühlen. Sie wird Zeugin sonderbarer Dialoge, die sie nicht nachvollziehen kann. Eine Kostprobe: "Sag mal, was war das für eine scharfe Stellung vorhin bei dir? Sein König stand doch völlig nackt! Mensch, hast du denn nicht gesehen, dass der Bauer die Dame decken konnte?!" Antwort: "Mannomann! Ich bin ein Esel!" Weiter geht's: "Als du die Dame nach b fünf gezogen hast, dachte ich, ich sehe nicht richtig! Ging denn Springer schlägt e fünf nicht?" Und allmählich kommt sich die Frau, die bisher mit Schach nichts am Hut gehabt hat, so vor, als hätte sie sich in einen Park voller seltsamer Vögel verirrt.

A.KOHR: Die Ferienstimmung rauscht endgültig in den Keller, sobald der Mann die erste Partie verloren hat.

JÜRGENS: Menschen, die kein Schach spielen, wissen nicht, wie viel Kraft der Besiegte aufbringen muss, um mit der Niederlage fertig zu werden. Sie ahnen nicht, dass man in keine nervenden Gespräche über das Wetter verwickelt werden möchte und dass einige Zeit vergehen muss, bis sich der Gedanke an die Niederlage nicht mehr wie ein stechender Schmerz im Herzbereich anfühlt.

A.KOHR: Nicht einmal Sex kann dann die Stimmung wieder aufhellen.

JÜRGENS: Wird der Besiegte vom Frust überwältigt, bleibt kein Raum für andere Gedanken. Eine verlorene Partie bedeutet eine gewaltige Portion Frust, und Frust tötet die Libido. Natürlich gibt es solche und solche Menschen, und mein Buch erhebt keineswegs den Anspruch auf Allgemeingültigkeit, aus meiner Erfahrung rate ich jedoch allen Nichtschachspielerinnen, die folgende Goldene Regel zu beherzigen: "Verzichten Sie darauf, einen Spieler verführen zu wollen, während er an einem wichtigen Turnier teilnimmt!"

A.KOHR: Nun gibt es aber nicht wenige Frauen, die selber auf Punktejagd gehen. Und die, sofern sie gegen einen Mann antreten, am Brett für beträchtliche Verwirrung sorgen.

JÜRGENS: Bei einem Turnier in Schweden beobachtete ich ein junges Mädchen, das um die sechzehn Jahre alt war. Ihr Matchpartner war laut ELO-Rating deutlich stärker, dafür wies das Mädchen ein weit ausgeschnittenes Dekolletee auf. Das Mädchen war gut ausgestattet, das hat sie sehr schön betont. Der arme Mann hat geschwitzt und die Partie verloren, er konnte sich einfach nicht auf das Spiel konzentrieren.

A.KOHR: Offenbar sind wir Männer doch schlichter gestrickt als Frauen. Können Sie den Herren einen Tipp geben für solche Situationen?

JÜRGENS: Schauen Sie Ihre Gegnerin nicht an, und versuchen Sie, ein ausdrucksloses Gesicht zu bewahren! Bei Frauen ist die Fähigkeit, in Gesichtern zu lesen, besonders gut ausgeprägt. Das desinteressierte Gesicht eines männlichen Kontrahenten wird ihr nicht entgehen und sie verunsichern.

A.KOHR: Wie reagieren eigentlich Schachkollegen auf Ihre jetzt publizierten Beobachtungen?

JÜRGENS: Manche Reaktionen sind leider etwas enttäuschend. Ein langjähriger Bekannter aus der Szene sagte zu mir, er sei über das Buch "nicht glücklich", weil die Schachspieler eigentlich doch "ganz nette Menschen" seien. Das hat mich ein wenig betroffen gemacht. Klar, ich halte den Spielern einen Spiegel vor, aber mein Buch sollte mit Humor gelesen werden. Überwiegend aber ist das Feedback positiv.

A.KOHR: Wie lange haben Sie am Manuskript gearbeitet?

JÜRGENS: Zwischen sieben und acht Monaten. Darin eingeflossen sind 25 Jahre Turniererfahrung.

A.KOHR: Fahren Sie auch zur Schacholympiade nach Dresden, um für eine zweite Auflage zu recherchieren?

JÜRGENS: Wegen einer zweiten Auflage müssen Sie meinen Verleger fragen. Aber ich bin in Dresden zu einer öffentlichen Veranstaltung zusammen mit dem Großmeister und Schachkolumnisten Dr. Helmut Pfleger eingeladen. Und dort werde ich auch mein Buch präsentieren.