Dautov, R. (2636) - Zeller, F. (2465)
6. Int. Neckar-Open (A) Deizisau, 30.03.2002
[Zeller]


1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 La6 5.b3
Für mich eine der unangenehmsten Varianten im Dameninder, da Schwarz daran gehindert wird, zu igeln (...c5 kann immer mit dem "Durchzug" d5 beantwortet werden - i.G. zu den Alternativzügen 5.Da4/c2 bzw. 5.Sbd2 Lb7 6.Lg2 c5!). Meistens ergeben sich Stellungen, in denen Schwarz lange Zeit um den Ausgleich kämpfen muß. Gerade gegen einen zähen Positionsspieler wie Dautov ist so eine Ausgangslage besonders unangenehm, was ich bereits schon einmal leidvoll erfahren mußte: vor Jahren saß ich ihm gegenüber mit derselben Variante, kämpfte fünf Stunden um den Ausgleich, um letztlich doch zu verlieren! Diesmal wollte ich irgendwie nach akivem Gegenspiel Ausschau halten.
5...Lb7 6.Lg2 Lb4+ 7.Ld2 a5 8.0-0 0-0 9.Sc3 d6
Runden später wählte Epischin im Spitzenkampf gegen Dautov ...d5. Damit kontrolliert Schwarz bequem das Feld e4, er mußte jedoch seine Bauernformation festlegen und dem Lb7 die Sicht versperren. Der zurückhaltende Textzug verrät, daß Schwarz e4 mit reinem Figurenspiel beherrscht halten will und dafür bereit ist, sein Läuferpaaar zu geben:
10.Dc2 Sbd7 11.Tfe1 Lxc3!
Erzwungen, denn sonst folgt e4.
12.Lxc3 Le4 13.Dc1
Ich konnte mich während der Partie nur ungenau an unsere erste Begegnung erinnern und wußte nicht mehr, daß wir damals exakt dieselbe Stellung erreichten. Die schwarze Bauernstellung ist noch recht flexibel, doch tendenziell peilt er an, sie auf weiße Felder zu stellen, um den schwarzfeldrigen Läufer des Weißen kaltzustellen. Seine Hoffnung ist dabei, die Weißfeldrigen tauschen zu können, um das weiße Läuferpaar halbieren zu können. Der weiße Plan sieht die Rückgewinnung des wichtigen Zentralfeldes e4 vor. Dazu muß der Sf3 ziehen, zuvor sollte aber der Lg2 dem Abtausch entgehen. Damals, in Böblingen 1996 geschah 13. ...Db8?! 14.Lh3! c6 15.Sh4!? h6 16.f3 Lh7 17.e4. Weiß besaß etwas Raumvorteil plus Läuferpaar, genug also, um mich stundenlang zu würgen. In der fünften Stunde brach ich dann zusammen. Es war also an der Zeit, aktiver zu spielen:
13...b5!?
Eine astreine Neuerung! Die positionelle Idee hinter diesem Zug (Beherrschung der weißen Felder) ist freilich nicht neu und in ähnlichen Stellungen z.B. von Mickey Adams oft und mit Erfolg angewendet worden. Meistens sind bereits schon die a-Bauern getauscht und wenn Weiß dann auf b5 schlägt, sind seine isolierten b-Bauern auch keine Augenweide.
14.cxb5 a4[]
Sonst verankert Weiß mit a4 den Mehrbauern.
15.b4!?
Überraschte mich etwas. Ich erwartete 15.Sd2 Lxg2 16.Kxg2 Db8 17.bxa4 Txa4 18.Db2 , doch nach 18...Da7 19.e4 Ta8 hat Schwarz genügend Gegenspiel.; Vielleicht war exakter sogleich 15.Lf1 axb3!? (15...Sb6 16.Sd2 axb3 17.f3 Lb7 18.Sxb3+/- ; 15...Lxf3! 16.exf3 Sb6 , ähnlich zur Partie) 16.a4 c6! 17.Db2 cxb5 18.axb5 Ld5 19.Sd2+/=
15...Db8?!
Etwas unnötig. Sogleich 15...Sb6 oder Dautovs Vorschlag 15...Ld5! /\16.Lf1 Lc4 17.e4 Lxf1 18.Kxf1 Db8=/+ waren gut spielbar. Ich sehe keine Probleme für Schwarz.
16.Lf1! Lxf3!
16...Dxb5 17.Sd2 Dh5 18.f3 Lb7 19.e4+/= führt nur dazu, daß die weißen Bauern und Figuren Dynamik entwickeln. Sschwarz hofft nun, durch die Blockade auf d5 eine uneinnehmbare Festung aufbauen zu können. Ich denke, der Plan hat gute Erfolgsaussichten.
17.exf3 Sd5 18.a3 S7b6 19.Lb2 Dd8
Die Dame gehört nun auf den Königsflügel, wo sie devensive wie offensive Aufgaben wahrnehmen kann. Überhaupt wird es in der Folge davon abhängen, wie es am Königsflügel weitergeht. Allein am Damenflügel kommt Weiß nicht recht weiter, die Schwächen a4 und c7 kann Schwarz zur Not überdecken. Ich wunderte mich zunächst, warum Dautov nicht den nahe liegenden Zug f4 machte, um den Doppelbauern eventuell durch f5 aufzulösen. Doch damit würde er dem Lb2 die Diagonale c1-h6 versperren, und das ist die einzige, die ihm noch Zukunftsperspektiven bietet.
20.Dc2 Df6 21.Ld3!
Weiß erzwingt eine Entscheidung bzw. eine Schwächung im schwarzen Lager.
21...g6!?
Sieht gewagt aus: die Diagonale c1-h6 wird geschwächt und der Hebel h4-h5 gerät ins Blickfeld. Mag sein, daß ...h6 im Sinne einer rein passiven Verteidigung angebrachter ist - der Textzug ist provokanter und kalkuliert mit Gegenspiel. - 21...Dh6!?.
22.De2 Dg7 23.Tac1 Tfe8!
Was ist zu tun? Züge des f-Bauern haben eine Jokerrolle inne und sollten vorerst vermieden und erst als Reaktion auf weißes Angriffsansinnen erwogen werden. Bleibt noch die Turmaufstellung: wo gehören die Teile hin? Meine Lösung ist, denke ich, recht gelungen: ein Turm sollte immer bereit sein, den Damenflügel (sprich a4) zu verteidigen, ein anderer sollte auf der siebten Reihe plaziert sein, von wo aus er eine ökonomische Wirkung entfaltet: deckt c7 und kann (nach f7-f6-f5) auch offensiv eingesetzt werden. Optimal ist dabei e7, denn der Be6 bleibt ebenso überdeckt (was einen Zug des f-Bauern erst ermöglicht!).
24.h4 Te7! 25.Kg2 Tf8
Nachdem Weiß offenkundig Aktionen auf der h-Linie beabsichtigt, verstärkt Schhwarz sein Potential in diesem Abschnitt des Brettes.
26.Dd2
26.Tc6 nebst Lc1 kam in Frage.; 26.h5 g5?! (26...gxh5!? ) 27.h6 Dh8 28.Dd2 sieht aussichtsreich für Weiß aus. Es beginnt die Phase, in der Dautov viel Zeit verbrauchte und recht unentschlossen agierte.
26...f5!?
Nun entschließe ich mich zu aktiven Maßnahmen. Warum sollte nicht auch Schwarz die Initiative am Königsflügel übernehmen - freilich war dies zuerst als Prophylaxe gegen h5 gedacht.
27.Lb1
27.Tc6
27...Df6
Liebäugelt mit ...f4, worauf Weiß zumindest nicht mehr g4 erwidern kann.
28.Te2?
Ein recht unglücklicher Zug, der erst Gabelmotive auf f3 entstehen läßt und Schwarz die Gelegenheit zum Losschlagen gibt. Man muß sich die psychologische Situation Dautovs vor Augen führen: er ist von einem kleinen, aber dauerhaften Vorteil überzeugt. Sein Hauptproblem ist die Frage: komme ich durch und wie komme ich durch? Dabei hoffte er bestimmt auch, daß ich mich zu überaggressivem Spiel verleiten lasse und mich selber schwäche. Wahrscheinlich mag er nicht daran gedacht haben, daß ihm selbst Gefahr drohen könnte - da schlägt Schwarz los, gerade, als die Zeitnot naht! [28.Dh6 Dg7+/= ; 28.Kh3!? /\f4 29.g4 ]
28...f4! 29.Le4!?
29.Dd3= sah er nachher als besser an. Das ist sicherer, aber mit Vorteil kann er auch nicht damit rechnen. 29...Tef7 (29...g5?! 30.Th1 g4 31.Te4! Tg7?! 32.fxg4+/- ) 30.Tf1 g5?! 31.hxg5 Dxg5 32.Txe6? (32.Lc1+/- ) 32...fxg3 33.Lc1 Dxc1!
29...g5!
Das hatte er unterschätzt. Er verbrauchte nun beinahe seine Restbedenkzeit!
30.g4!?
30.hxg5 Dxg5 31.Tg1 Tg7->.
30...h5!
Nur nicht auf halber Strecke stehen bleiben - 30...gxh4 31.Kh3+/=.
31.gxh5 g4!
Alles geht nur wegen der Turmstellung auf e2
32.Th1!?
32.Dd3!? Dxh4 33.Th1 Dg5 34.Kf1 g3~~ ; 32.Tg1 Tg7 (32...Dxh4 33.fxg4?! f3+ 34.Lxf3 Txf3 35.Kxf3 Dh3+ 36.Tg3 Dh1+ 37.Tg2 Tf7+ 38.Kg3 Sf4-/+ ) 33.Lg6 Dxh4 34.Kf1 gxf3 35.Te4 Dh3+ 36.Ke1 Dxh5!-+ .
32...Sc4!?
Hier hatte ich das dringende Gefühl, daß die richtige Kombination der Möglichkeiten ...Tg7, gxf3+, ...Sc4 und ...Se3+ zum Gewinn führen sollte. Scheinbar ist dem nicht ganz so, der Computer findet immer noch eine Parade für Weiß. Allerdings ist dieVerteidigung, zumal in Zeitnot, sehr schwierig und Weiß balanciert am Abgrund. 32...Tg7 33.Tee1! (33.Lg6 Se3+! 34.fxe3 gxf3+-+ ) 33...Se3+? (33...gxf3+ 34.Kxf3 Se3 35.Thg1! ) 34.fxe3 gxf3+ 35.Kf1.
33.Dd3?
Sollte verlieren. Auch 33.Dc2 gxf3+ 34.Kxf3 Sce3 35.fxe3? fxe3+ 36.Kg3 Tg7+ 37.Lg6 Sf4-+ ist ungenügend. Nur; 33.Dc1! versprach noch genügend Ressourcen. Die Opfer dringen nun nicht durch, man sehe: 33...Sce3+?! (33...gxf3+ 34.Kxf3 Sde3 35.fxe3 fxe3+ 36.Kg2 d5 37.Kh3 Sxb2 38.Tg1+ Kh8 39.Dxb2 dxe4 40.Txe3+/- ) 34.fxe3 (34.Kg1 gxf3 ) 34...gxf3+ 35.Lxf3 fxe3 36.Txe3+/- Eigentlich ist es sehr schade und enttäuschend für den Kommentator, sehen zu müssen, daß trotz der vielen starken Züge zuvor Schwarz immer noch keine Ausgleichsgarantie haben soll. War doch alles nicht ganz so stark?
33...Sce3+! 34.fxe3
34.Kg1 gxf3 35.Td2 Tg7+ 36.Lg6 Sf5 37.Dxf3 Sxh4-/+.
34...fxe3??
Läßt sich vom Gabelmotiv auf f4 verleiten. dabei hatte ich zunächst vorgehabt, den richtigen, gewinnenden Zwischentausch auf f3 zu machen und zudem noch ausreichend Bedenkzeit, bis ich dann recht impulsiv auf e3 nahm, auch, um ihm keine Atempause zu lassen. Allerdings war mir völlig entgangen, daß er den König ziehen kann: [34...gxf3+ 35.Lxf3 fxe3 36.Lxd5 exd5 37.h6 Te4!-+.
35.Kg1!+/-
Ich hatte nur 35.Lxd5 gxf3+-/+ erwartet.
35...Df4?!
35...gxf3 36.Txe3 ist besser für Weiß, wäre aber noch das kleinere Übel gewesen.
36.Tg2!+- Tg7 37.h6! Dxh6 38.Lxd5 exd5 39.fxg4 Df4 40.De2
Leider hat er die 40 Züge geschafft - und sogar mit einer Figur mehr! Erstaunlicherweise kann Schwarz noch Probleme bereiten, wenngleich Dautov letztendlich diese doch meisterte:
40...De4 41.Th3 Te7 42.Kh2 Df4+ 43.Thg3 Tf6 44.h5 Te4 45.Lc1 Tfe6 46.Kg1 Df6 47.Lb2 Tf4 48.Lc3 Tee4 49.g5 De5 50.h6 Th4 51.Th2 Txh2 52.Kxh2 Th4+ 53.Kg1 De4 54.Tg2 Th3 55.Le1 Db1 56.g6 Kh8 57.Df1
Schade eigentlich - eigentlich eine tolle Partie von mir und für mich, allerdings mit einem unbefriedigenden Ende...
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