24.12.2003
Leserwettbewerb der Stuttgarter Zeitung

Auflösung


Weihnachtslösewettbewerb 2003

Fünf neckische Schachrätsel

Von Harald Keilhack, 20. Dezember 2003

Wie jedes Jahr seien die StZ-Leser zu unserem traditionellen Wettbewerb eingeladen. Unter den Einsendern richtiger Lösungen von A und B werden folgende Preise verlost: eine Digitalkamera, ein Espressoautomat sowie ein Telefon mit Anrufbeantworter.
Bei der Zusammenstellung der Aufgaben war Günther Weeth (Stuttgart) behilflich. Wir wünschen allen Lesern viel Spaß beim Lösen!

A: Günther Weeth, Urdruck

Weiß nimmt seinen letzten Zug zurück und setzt stattdessen matt. (3+2)

B: Günther Weeth, Urdruck

Füge einen Bauern hinzu, dann Matt in einem Zug. (4+4) Hier ist Obacht geboten!

Ø

So weit der Wettbewerb. Als „Kür“ für unsere Problemschach-Experten noch die folgenden drei Rätsel. Bei Aufgabe E ist eine entsprechende retroanalytische Begründung anzugeben.
Alle Einsender vollständig richtiger Lösungen der Aufgaben C bis E werden bei der Besprechung im Januar namentlich genannt und erhalten einen Buchpreis .

C: Günther Weeth, Urdruck

Zunächst Schwarz und dann Weiß nehmen jeweils einen Zug so zurück, dass Weiß in einem Zug matt setzt. (5+5)

D: Werner Keym, Urdruck

Wie viele weiße und schwarze Züge sind jeweils mindestens erforderlich, um

a) mit 0-0-0+ (langer Rochade von Weiß)
b) mit ...0-0-0+ (langer Rochade von Schwarz)
c) mit 0-0+ (kurzer Rochade von Weiß)
d) mit ...0-0+ (kurzer Rochade von Schwarz)
Schach zu bieten?

Gefragt ist die jeweilige Zügezahl samt Beispiel, nicht die Anzahl entsprechend möglicher Zugfolgen. (16+16)

E: Josef Haas (†)/W. Keym/G. Weeth
Schwalbe 12/2003, Version

Weiß nimmt einen Zug zurück. Kann er dem Schwarzen das Recht zur Rochade nehmen? (11+9)

Ø

Einsendungen werden bis 15. Januar (Poststempel) erbeten an die Stuttgarter Zeitung (Schach), Postfach 106032, 70049 Stuttgart.

Harald Keilhack


Auflösung

 

Lösewettbewerb/1: Die Hauptgewinner

Von Harald Keilhack, 24. Januar 2004

94 Einsendungen brachte unser Weihnachtswettbewerb, doch dank der „Gemeinheit“ bei B gelangten nur 24 in die Ziehung für die Hauptpreise. Die glücklichen Sieger:

1. Preis (Digitalkamera): Kurt Lorenz aus Marbach

2. Preis (Espressoautomat): Anni Laakmann aus Stuttgart

3. Preis (schnurloses Telefon): Hans Bergmann aus Aalen

Zur Auflösung:

A: Günther Weeth, Urdruck

Weiß nimmt seinen letzten Zug zurück und setzt stattdessen matt. (3+2)

Fast alle Löser erkannten die Rücknahme von Bf7:Sg8(S), sprich „Bauer f7 schlägt schwarzen Sg8 und verwandelt sich selbst in einen Springer“ und stattdessen f7-f8S#. Nicht zurück Bf7:Lg8(S), bei f7-f8S stünde der Ka2 im Schach. „Das war ein Elfmeter ohne Torwart“ (J. Guballa).

B: Günther Weeth, Urdruck

Füge einen Bauern hinzu, dann Matt in einem Zug. (4+4) Hier ist Obacht geboten!

Zwei Lösungen: +wBg7 und 0...K:e8 1.g8D#, +wBb4 und 1...Lb2#.

Zugegebenermaßen war das mit den zwei Lösungen eine ziemliche Gemeinheit („hier ist Obacht geboten!“), wobei regelmäßig die schwächeren Löser das retroanalytische +Bb4 übersahen und etliche seit Jahren fehlerfreie Spitzenlöser das triviale +Bg7 vergaßen. Der Problemautor blieb hart und bestand darauf, dass nur die 24 Löser, die beide Möglichkeiten angegeben hatten, in die Verlosung für die Hauptpreise kommen durften. Für den Expertenwettbewerb bleibt das Auslassen von +Bg7 ohne Folgen. Schwarz ist im Problemschach dann (und nur dann!) am Zug, wenn dies aus der Stellung eindeutig hervorgeht. Danach kann er trotzdem im folgenden Zug matt werden (...K:e8 1.g8D# - „zwei Halbzüge sind doch auch nur ein Zug“, H. Kiemele) oder aber selbst mattsetzen wie bei +wBb4 - in der entstandenen Stellung hat Schwarz keinen letzten Zug. Nicht statthaft ist das Einsetzen von Bauern auf der achten Reihe (+wBc8, wird Dame, Lg6# und dgl.) - K. Lorenz meinte hierzu: „Die Umwandlung geschieht gleichzeitig mit dem Besetzen der achten Reihe. Aber das wird wahrscheinlich eine Ansichtssache sein, und ein geschickter Rechtsanwalt legt immer die Sache zu seinen Gunsten aus!“ Ebensowenig +sBa2 und a2-a1D# und dgl., denn wie bereits bemerkt darf Schwarz nur dann ziehen, wenn dies von der Stellung her erzwungen ist.

C: Günther Weeth, Urdruck

Zunächst Schwarz und dann Weiß nehmen jeweils einen Zug so zurück, dass Weiß in einem Zug matt setzt. (5+5)

Zunächst Schwarz und dann Weiß nehmen jeweils einen Zug so zurück, dass Weiß in einem Zug matt setzt. - Schwarz nimmt 0-0-0 zurück, Weiß dann den Zug Ta1:Sf1! und setzt mit T:a8# matt.

Öfter mal hieß es „C ist einfach“ (K. Vogel), aber: „Schwarz nimmt 0-0-0 zurück und Weiß 0-0, und Rumms auf h8. Doch hier befällt den geplagten Weihnachtslöser das Misstrauen, so einfach war’s noch nie. Und siehe da, was haben denn die beiden Seiten vor der Rochade als legale Züge gehabt, die nicht das Rochaderecht verderben würden? - Aha!“ (P. Lau). Nur der Entschlag eines Springers auf f1 gibt dem Schwarzen eine Ziehfigur zur Bewahrung des Rochaderechts - nicht ein Läufer, denn zuletzt f2-f1L scheidet aus. Manche Löser probierten es mit zurück Kb7:Dc8, stattdessen Ka7 und zurück Tf6-f1, Ta6#, aber Schwarz soll „nur“ einen Zug zurücknehmen, nicht aber stattdessen etwas anderes spielen. Ohne den Bc2 könnte man freilich eine Dame „wiederaufleben“ lassen und auf der c-Linie mattsetzen.

D: Werner Keym, Urdruck

Wie viele weiße und schwarze Züge sind jeweils mindestens erforderlich, um

a) mit 0-0-0+ (langer Rochade von Weiß)
b) mit ...0-0-0+ (langer Rochade von Schwarz)
c) mit 0-0+ (kurzer Rochade von Weiß)
d) mit ...0-0+ (kurzer Rochade von Schwarz)
Schach zu bieten?

Das frühest mögliche Schachgebot erfolgt jeweils im 5. Zug. Bei 5.0-0-0+ schlägt Schwarz nach d2-d4 die d-Linie frei, um anschließend D:d7+ und 5.0-0-0+ zu erlauben, z.B.:
1.d4 c5 2.Sc3 c:d4 3.Le3 d:e3 4.D:d7+ K:d7 5.0-0-0+, 1...Sc6 2.Sc3 S:d4 3.Le3 Sc6 4.D:d7+, 1...e5 2.Sc3 e:d4 3.Le3 d:e3 4.D:d7+ mit etlichen Variationen.
Bei 5.0-0+ funktioniert es einzig mit dem Bauernschlag auf e3 bzw. spiegelbildlich auf g3:
1.e4 f5 2.La6 f:e4 3.Se2 e3 4.f:e3 Kf7 5.0-0+ oder 1.g4 f5 2.Lg2 f:g4 (auch 1.g3 f5 2.Lg2 f4 3.Sh3 f:g3 4.f:g3) 3.Sh3 g3 4.f:g3 Kf7 5.0-0+.
Mit Schwarz dauert es jeweils einen Halbzug länger, unter Einfügung eines beliebigen Wartezugs, mit 5...0-0-0+ gibt es auch noch andere Muster. Anscheinend ist nichts neu unter der Sonne: Laut B. Schwarzkopf wurde die Aufgabe vorweggenommen von Eero Bonsdorff in „Helsingin Sanomat“ vom 17. April 1960.

Lösewettbewerb/2: 24 hatten Erfolg

Von Harald Keilhack, 31. Januar 2004

76 Löser beteiligten sich am Expertenwettbewerb mit den Aufgaben C-E, 24 bewältigen alle drei:

Kurt Lorenz, Erich Marquefant (beide Marbach), Dietmar Fauth, Norbert Geissler (beide München), Hans Bergmann (Aalen), Ulrich Knöpp (Darmstadt), Gabriele Bauers (Hamburg), Rudolf Eilenberger (Dossenheim), Mario Richter (Berlin), Karl Roscher (Neckargemünd), Günter Lauinger (Ravensburg), Theodor Burian (Weil der Stadt), Jens Guballa (Tamm), Martin Pfleiderer (Korntal), Nils Empacher, Bernd-Martin Schuh, Klaus Bernhardt, Thomas Lutzius, Rolf Schreiber (alle Stuttgart), Pedro Quaresma (Portugal), Henrik Juel (Dänemark), Hannu Lehto, Hannu Harkola (beide Finnland), Andrey Frolkin (Ukraine).

58 Mitspieler lösten zumindest eine der schweren Aufgaben richtig; je 44 Mal wurde C und D geknackt, 40 erkannten den Schlüsselzug Th2:Th1! von Aufgabe E. Allerdings konnte die retroanalytische Begründung nicht immer überzeugen, schließlich konnten wir 34 anerkennen, darunter einige Grenzfälle.

E: Josef Haas (†)/W. Keym/G. Weeth
Schwalbe 12/2003, Version

Weiß nimmt einen Zug zurück. Kann er dem Schwarzen das Recht zur Rochade nehmen? (11+9)

Ja, durch Rücknahme von Th2:Th1!:

„Der sTh1 ist durch eine Bauernumwandlung auf g1 entstanden. Der Bauer kam über g3 und h2 nach g1 und hat drei weiße Figuren (T, S, S) geschlagen. Der sSg1 (keine Umwandlungsfigur, die Schlagfälle reichen bei weitem nicht, Red.) konnte nur über f3 nach g1 gelangen. Dazu muss der weiße Bauer noch auf f2 gestanden haben, die weiße Dame muss auf ihrem Ursprungsfeld von einem Springer geschlagen worden sein, der König musste nach d1 ausweichen. Der letzte Zug von Schwarz muss ...d6-d5 gewesen sein (oder durch Ke8/Ta8, aber dann wäre der Fall gleich erledigt, Red.). Davor hat irgendwann dieser Bauer einen weißen Stein auf d6 geschlagen. Das konnte nur der Ba2 sein, der durch Schlagen von drei schwarzen Steinen nach d6 gelangte. Da die beiden Läufer eingesperrt sind, können nur T, S und D geschlagen worden sein. Dazu musste der schwarze König der Dame den Weg frei machen, und damit kann Schwarz nicht mehr rochieren.“
Soweit - leicht gekürzt - die Musterlösung von T. Burian. Für die Wertung sollten folgende Punkte erwähnt worden sein: Auflösung der Ecke rechts unten samt Schlagen der Dame auf d1, als Schlagobjekt für den Bd5 bleibt somit nur noch der Ba2 übrig. Dann ein Widerspruch zwischen der These, Schwarz könne noch rochieren, und den Fakten, die der Bd5 schafft (ausgesperrte Schlagobjekte Lc8, Dd8, Lf8 beim Weg über e7-d6-d5). Beim Entschlag anderer Figuren auf h1 reißt die Beweiskette beim nicht mehr zwingenden Schlagen der weißen Dame auf d1.
„Haas war wieder die Krönung!“ (T. Lutzius). Wir bedanken uns bei den zahlreichen Mitspielern aus nah und fern; insbesondere bei denjenigen, die einmal mehr „leer“ ausgegangen sind, jedoch ungerührt ihren Spaß an der Sache zum Ausdruck brachten.