Verlagsprogramm: Sanakojew: Der 3. Versuch
Buchkatalog: Biographien

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Leseprobe: Der 3. Versuch

 



Die Vorbereitung zum Sturm

Nicht den zurückgelegten,
sondern den bevorstehenden Weg sollst du messen

Ovid

Nach den Ergebnissen des 1984 abgeschlossenen X. Finales zur Weltmeisterschaft war ich für das nächste Finalturnier vorberechtigt. Doch konnte ich im XI. Finale nicht spielen, denn dieses ging zu Beginn des Jahres 1984 auch schon seinem Abschluß entgegen. Ich machte mich also an die Vorbereitungen für das XII. Finale, welches am 1. Januar 1985 beginnen und mein dritter Versuch werden sollte, den Weltmeistertitel zu erobern.

Ich hatte zur Vorbereitung auf dieses Finale ungefähr ein halbes Jahr Zeit, doch war ich derweil nicht völlig vom Fernschach frei. Ich glaube, es gibt nichts Bedrückenderes als das Gefühl, seiner Lieblingsbeschäftigung überdrüssig zu sein. Vorteilhafterweise hatte ich kurze Perioden erlebt, in denen ich keine Fernpartie zu spielen hatte. Der Gedanke daran erfüllt mich heutzutage mit Schaudern. Damals wunderte ich mich beim täglichen Gang zum Briefkasten jedesmal darüber, daß sich dort keine Fernschachkarte fand, worüber ich dann immer aufrichtig betrübt war. Obwohl mir natürlich völlig klar war, daß der nächste Zug von niemandem zu erwarten war! Wenn ich dann ein neues Turnier begann, empfand ich die ersten Züge wie die Briefe einer geliebten Frau, die mich längst verlassen hatte, sich nun aber meiner Adresse entsann ... Mit der Zeit wird das Wunder des täglichen Beisammenseins mit der Geliebten zur Gewohnheit, so daß die Gefühle abstumpfen und gar alltäglich werden, doch ist uns sofort der große Verlust klar, sollte die Geliebte uns verlassen. Mit einem Wort, ich kann mir heute mein Leben ohne die tägliche fröhliche Aufregung beim Leeren des Briefkastens nicht mehr vorstellen.

Andererseits sollte man nicht zu gierig sein und zuviele Turniere gleichzeitig spielen. "Es ist unmöglich zu versuchen, das Unerreichbare zu erreichen" (K. Prutkow). Natürlich verhält sich dies bei jedem Menschen anders, doch zumindest ich bin nicht imstande, in Anbetracht meiner beruflichen Belastung mehr als 17-20 Partien auf gleich hohem Niveau zu spielen. Genauso wie eine Frau duldet es das Schach nicht, vernachlässigt zu werden. Verpassen Sie in zwei oder drei Partien günstige Gelegenheiten, dann wird Ihnen das Schicksal unweigerlich die kalte Schulter zeigen. Jedenfalls ist es meiner Meinung nach unmöglich, 30 und mehr Partien mit voller Spannkraft zu spielen.

Am besten ist es, wenn Sie zu Beginn eines neuen Turniers noch 5-7 Partien des vorigen mit guten, sich gefestigten Stellungen haben. Das angenehme Gefühl der Verwirklichung der eigenen alten Pläne fällt dann zeitlich mit dem Beginn der neuen Partien zusammen, was die Zuversicht steigert, daß auch das neue Turnier glatt verläuft. Sind aber die Stellungen in den alten Partien nicht allzu gut, so werden Sie wenigstens ständig daran erinnert, im neuen Turnier die Fehler aus dem letzten zu vermeiden.

Neben dem "Existenzminimum" von 15-20 Turnierpartien halte ich es für möglich, daneben 2-3 Freundschaftsspiele zu führen. Dies erweitert den Bekanntenkreis, trägt zur Popularisierung des Fernschachs bei und gibt eine willkommene Gelegenheit, Eröffnungsvarianten zu überprüfen, die für ein wichtiges Turnier gedacht sind. Bei einer solchen Partienanzahl erhalte ich jeden Tag etwa 1-2 Post-karten.

Eine Inanspruchnahme in dieser Größenordnung erachte ich als optimal, obwohl dies natürlich zu all meinen anderen Verpflichtungen noch eine weitere ständige Belastung hinzufügt. Manchmal kommt es zu beruflicher Überlastung, derweil die Abendzeit ohnehin schon stark vom Fernschach inanspruchgenommen wird. Und schließlich feiert man von Zeit zu Zeit. Es passiert sogar, daß man keine Lust auf Schach verspürt. Aber das Fernschach diszipliniert uns. Eine Postkarte von einem Partner, die früher oder später beantwortet werden will, flößt Unruhe und Besorgnis ein. Um dieses Gefühl loszuwerden, setze ich mich dann an den Schreibtisch, sobald ich die Gelegenheit dazu habe.

In der Praxis ist es so, daß ich dem Fernschach täglich - abends oder in der Nachtzeit - etwa ein bis anderthalb Stunden widme. Sonntags sieht es günstiger aus, dann gelingt es mir manchmal, vier bis fünf Stunden schachlich tätig zu sein, wenngleich das nicht oft vorkommt. Haben Sie vollen Ernstes beschlossen, Fernschach zu spielen, so müssen Sie wissen, daß dies einen wesentlichen Teil Ihrer Freizeit in Anspruch nimmt. Doch diese Last ist nicht schwer.

Im zweiten Halbjahr 1984 kam es zu einer spürbaren Entlastung. Im Freundschaftstreffen der Städte Woronesh - Jakobstad (Finnland) spielte ich nur zwei Partien, das Turnier "Serbien 30" befand sich in der Schlußphase, und schließlich bereitete ich mich auf den dritten - und im Sport immer entscheidenden - Versuch, den Gipfel zu erreichen, vor.



Partie 38
Sanakojew - Perman
Sizilianische Verteidigung (B 42)
Woronosh - Jakobstad, 1984 - 1986

1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 c:d4 4.S:d4 a6 5.Ld3 Sf6 6.0-0 d6 7.c4 Le7 8.Sc3 0-0 9.Le3 b6 10.f4 Dc7 11.Tc1 Lb7

In einer Partie Geller - Panno, Lone Pine 1980, geschah 11...Sbd7 12.g4 g6 13.g5 Se8 14.Le2 Ld8 15.De1 e5 16.Sd5, wonach Weiß in Vorteil kam.

12.g4

Der Plan mit g4-g5 wirkt hier überzeugend genug. Möglich wäre aber auch 12.De2 oder 12.f5 mit einem kleinen weißen Plus.

12...Te8 13.g5 Sfd7 14.f5 Lf8 15. f:e6 f:e6

16.e5!

Sobald ein schwarzer Springer auf e5 auftaucht, könnte der Angriff von Weiß in eine Sackgasse geraten. Er öffnet daher mit e4-e5 Linien für seine Figuren.

16...g6

Nach 16...d:e5? 17.Dh5 g6 18.L:g6 gewinnt Weiß.

17.Se4 Sc6

Schlecht wäre 17...L:e4 18.L:e4 Ta7 19.S:e6 T:e6 20.Ld5 Sc5 21.b4, und Weiß behielte Materialvorteil.

18.Sb5!

Ein für diese Struktur typisches Scheinopfer, welches den weißen Vorteil festigt.

18...a:b5 19.c:b5 d:e5

20.Sf6+

Weiß hat es nicht eilig, das geopferte Material zurückzugewinnen. Er verstärkt zunächst sein Figurenspiel.

20...S:f6 21.g:f6 Kf7

Nach 21...Ted8 22.Dc2 hätte Weiß dank der Drohungen L:g6 und b:c6 einen unparierbaren Angriff organisieren können.

22.Df3!

Genau gespielt! Nach 22.Dc2?! Tec8! 23.Le4 Lc5 24.L:c5 Sd4 erhielte Schwarz unverhofft Gegenchancen.

22...Lc5 23.L:c5 b:c5

24.De3!!

Nur dieses Manöver, das schon beim 20. Zug geplant wurde, gibt Weiß Vorteil. Die nachfolgenden Varianten unterstreichen die Stärke der Doppeldro-hung D:c5 und Dh6!:
I 24...Sd8 25.Dh6 Kg8 26.L:g6 h:g6 27.D:g6+ Kf8 28.Tc3
II 24...Dd7 25.Dh6 Dd4+ 26.Tf2
III 24...Ted8 25.Dh6 Kg8 26.f7+ Kh8 27.L:g6,
und Weiß gewinnt in allen Fällen.
Schwarz findet die verhältnismäßig beste Fortsetzung.

24...Tf8 25.D:c5 T:a2 26.b:c6

Nach 26.Lc4?! hätte die frappierende Variante 26...T:b2! 27.L:e6+ K:e6 28.D:f8 Db6+ 29.Tc5 Dd8 30.T:c6+ L:c6 31.D:d8 Tg2+ 32.Kh1 Td2+ 33.b:c6 T:d8 34.c7 Tf8! dem Schwarzen gute Chancen eingeräumt, die Partie zu retten.

26...T:b2! 27.Lb5!

Der Figurengewinn 27.c:b7 (auch 27.Le4 La6! führt zu einer unklaren Situation) 27...D:c5+ 28.T:c5 T:b7 hätte den Sieg noch keineswegs sichergestellt, die Realisierung des unbedeutenden Materialvorteils würde auf große technische Schwierigkeiten stoßen. Weiß versucht deshalb, den Damentausch zu vermeiden.

27...Lc8

Nach 27...L:c6 28.L:c6 würden die Drohungen Le8+ oder Tc1-a1-a7 den Schwarzen dazu zwingen, mit 28...Db6 29.D:b6 T:b6 den Damentausch her-beizuführen, doch nach 30.Lg2! erobert Weiß die siebte Reihe, was im Verbund mit dem Bf6 den leichten Gewinn sicherstellt. Aussichtslos ist auch 27...e4? 28.De7+!, wonach Schwarz so ziemlich alle seine Figuren verliert (Wirklich? 28...D:e7 29.f:e7+ K:e7 30.T:f8 - bzw. 30.c:b7 T:f1+ 31.L:f1 T:b7 -, und 30...L:c6! sollte Schwarz retten, die Red.). Verhältnismäßig besser wäre 27...Tb8!? 28.c:b7 D:c5+ 29.T:c5 T:b7 30.La6! (30.Lc4? Tb1 =) 30...Ta7 (nichts ändert 30...Td7 31.Lc8 nebst Tc6) 31.Tc6, wonach 32.Lc8 den weißen Gewinn im Endspiel sicherstellt.

28.Tcd1!

Damit droht 29.Td7+ L:d7 30.De7+ Kg8 31.Dg7#.

28...Td8?

Sehr schade! Dieser arglose Verteidigungszug erweist sich als Leichtsinnsfehler und bringt Weiß um die Möglichkeit, herrliche Varianten zu demonstrieren:
I 28...g5 29.Td7+ L:d7 30.De7+ Kg6 31.Ld3+ Kh5 (31...e4 32.L:e4+ Kh5 33.D:h7+ Kg4 34. h3+ Kg3 35.Tf3*) 32.D:h7+ Kg4 33.h3+ Kg3 34.Tf3+ K:f3 35.De4+ Kg3 36.Dg4#
II 28...Te8 29.Ta1 Ld7 30.Ta7 T:b5! 31.De7+!! T:e7 32.f:e7+ K:e7 33.T:c7
III 28...Kg8 29.De7 Kb6+ 30.Kh1
Jetzt endet alles enttäuschend einfach.

29.T:d8 D:d8 30.Da7+

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