Harald Keilhack
Die Tarrasch-Verteidigung
Dreier 1994/Kania 2003
298 S., kart./303 S., gebunden

Zur Zeit nicht mehr erhältlich!



Dr. Siegbert Tarrasch, Erfinder der Tarrasch-Verteidigung

Vielerorts wurde das Buch gewürdigt, beispielsweise hat sogar das NewinChess-Yearbook von einigen der dort präsentierten Ideen Notiz genommen, die oft erst viel später in die GM-Praxis eingeführt worden sind (aus NIC Yearbook Nr. 61, mit freundlicher Genehmigung von NewinChess/Interchess):

Gelegenheit, auf das Yearbook überhaupt aufmerksam zu machen; die neueste Ausgabe ist die Nr. 63, lieferbar für Euro 23,95; gerne auch - portofrei - im Abo (4x im Jahr)




Literatur für den Tarrasch-Spieler


Aagaard/Lund: Meeting 1.d4
176 S., kart., etwas größeres Format, Everyman 2002, Euro 24,00

Gut zwei Drittel des Buches widmen sich der Tarrasch-Verteidigung; der Rest ist Repertoireerweiterung bis hin zu (nicht unbedingt Tarrasch-kongruenten) Rezepten gegen 1.b3, 1.b4, 1.g4 usw.
Ich stehe dem Buch mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. "Todsünden" sind das Fehlen eines Literaturverzeichnes wie auch eines Variantenindex. Die Autoren scheinen nicht immer bestens informiert, wie es aussieht haben sie weder mein Buch gelesen noch beispielsweise einige jüngere New-in-Chess-Yearbook-Artikel (s.o.). Folglich ist das Buch in theoretischer Hinsicht mit Vorsicht zu genießen. Positiv sind die guten Einführungstexte, in denen mit gut ausgewählten Partiebeispielen wichtige Mittelspielthemen illustriert werden.
Gemischte Gefühle, gemischte Kaufempfehlung: Eher für den Einstieg in "Tarrasch" geeignet, für Experten nicht präzise und vollständig genug. (einige konkrete Analyse-Beispiele folgen)


- Wenig empfehlen kann ich die jüngst erschienene "Ultimate Tarrasch" CD von Eric Schiller, Preis rund 30 US-$. Grundsätzlich habe ich eine Aversion gegen derartige Eröffnungs-CDs:
Texte? - sind trotz des praktisch unbeschränkt großen Mediums meist viel kürzer (und oberflächlicher) als in Büchern.
Kommentierte Partien? - vielfach sind nur oberflächliche Notizen zur Partie aus anderen Quellen zusammengestellt, oder der sogenannte "Kommentar" besteht nur aus Angabe von zwei bis drei Alternativzügen.
Unkommentierte Partien zuhauf? - die gibt`s auch anderswo.
Verkaufspreis? Meist viel teurer als ein Buch, obwohl die Herstellungskosten heutzutage viel niedriger sind und die Arbeitsleistung des Autors meist geringer als bei einem Buch ist (zudem entfällt ein Lektorat meist ersatzlos, kein Aufwand für Layout etc.).
Irgendwie wirkt das typische Angebot einer Eröffnungs-CD meist nicht vernetzt. Hier ein paar Varianten, dort ein paar Einschätzungen; Widersprüchlichkeiten werden meist schon ohne Lupe sichtbar.

Die Schiller-CD enthält u.a. recht viele Partien des Autors, den dazu gegebenen Kommentaren bzw. Einschätzungen kann ich jedoch oft nicht zustimmen. In vielen sehr kritischen Abspielen macht es sich der Autor m.E. zu leicht. Es sind einige Partien enthalten, die auch nicht allerentfernteste Ähnlichkeit zu einer "Tarrasch-Verteidigung" haben, dies spricht nicht für sorgfältige Arbeit von Autor und Herausgeber.
Trotz des Wortes "Ultimate" und ungeachtet des acht Jahre späteren Erscheinungsdatums kann ich Schillers Arbeit - in aller Bescheidenheit - nur als Rückschritt gegenüber meinem Buch betrachten.



- Gut bis sehr gut gefällt mir indes das folgende Werk:

Baburin, Winning Pawn Structures leider zur Zeit nicht mehr erhältlich (Juni 2007)
256 S., kart., Batsford 1998/2001, Euro 25,00

Zielgruppe: DWZ 1600-2350
Eine Zeitlang war dieses Buch nicht erhältlich, dann doch wieder nachgedruckt - aber der Autor bat, das Buch nicht zu kaufen, wegen ungeklärter Honorarzahlungen. Im Moment scheint aber wieder alles in Ordnung, und wir dürfen dieses Buch ruhigen Gewissens empfehlen.
Der erste Schwachpunkt eines sehr starken Buches ist - der Titel. Dieser sollte heißen Isolanistellungen. Denn Thema ist der klassische isolierte Damenbauer, entstehend aus Tarrasch-Verteidigung, Semi-Tarrasch, Caro-Kann/Panow-Angriff, Nimzowitsch-Indisch mit 4.e3, Sizilianisch 1.e4 c5 2.c3 d5 usw. Kürzer behandelt werden die verwandten Typen "Hängebauern" (z.B. nach Sd5xSc3 b2xc3 bei weißem Isolani d4) und "Widder" (sich gegenüberstehende Einzelbauern d4/d5).
Der irisch-russische GM Baburin illustriert in überzeugender Weise alle typischen Angriffs-, Verteidigungs- und Endspielpläne. Und beileibe nicht nur die naheliegenden Pläne,die "jeder kennt" bzw. zu kennen meint! (z.B. die Standardopfer auf f7 und e6). Da kommt auch mal die Isolaniseite auf der c-Linie, bringt den Turm auf der 3. Reihe zum Einsatz (z.B. Ta1-a3-h3 oder Td1-d3-g3) oder spielt einen Angriff mittels h2-h4-h5 - ein weniger bekanntes, aber mitunter effektvolles Motiv.
Das Buch ist mithin Pflicht für alle Spieler, bei denen Isolanistellungen eine wesentliche Stelle im Eröffnungsrepertoire einnimmt.
Ein kleiner Vorbehalt nichtsdestotrotz: In den (ansonsten hervorragend ausgewählten!) Beispielen gewinnt praktisch immer die Isolaniseite, wenn sie Angriff/Initiative im Mittelspiel hat. Bzw. in typischen Endspielen, wo naturgemäß die gegen den Isolani spielende Seite den Vorteil hat, verdichtet sie diesen Vorteil in praktisch allen Beispielen zum Gewinn. Dies entspricht nicht der Realität! Wie sowohl das Gefühl wie auch ein Spezialrecherche in Datenbanken zeigt, bleibt ein typisches Endspiel - sagen wir mit Läufer und Springer beiderseits - in der Mehrzahl der Fälle remis; nur seltener führt der Vorteil auch zum ganzen Punkt. Umgekehrt führt längst nicht jede Stellung mit starkem Königsangriff der Isolaniseite zum Erfolg; die notorisch komplizierten Opferwendungen führen auch gern mal zum Dauerschach oder zu unklaren Positionen.
Zwar zeigt Baburin jedesmal, wo die letztlich unterlegene Seite hätte besser spielen können. Trotzdem - ich habe ein bißchen Angst, daß solchermaßen im Kopf ein statistisch verzerrtes Abbild der Realität entsteht.
Trotz dieses kleinen Vorbehaltes ein starkes Buch, einwandfrei produziert und mit umfangreichem Inhalt, so daß der Preis nicht so sehr schmerzt - verglichen mit einigen anderen teuren, dünnen und letztlich billig gemachten Batsford-Produktionen.
Zur Zielgruppe: Obwohl die Arbeit an speziellen strategischen Formation (wie hier Isolanistellungen) erst ab ca. DWZ 1800 Sinn macht, scheint mir hier eine Ausnahme gegeben: Baburins Partiekommentare sind sehr eingängig und leichtverständlich. Auch der starke Turnierspieler (um 2200) kann zweifellos profitieren. Für Spieler ab IM-Stärke ist der Inhalt vielleicht doch wieder zu allgemein; wenig tiefe Analyse, wenig "Hyperpräzision", auch in Bezug auf die Eröffnungstheorie (hier würde ich mir z.B. noch präzisere Vergleiche in der Beurteilung verwandter Stellungen, die sich z.B. durch ein Tempo mehr/weniger oder eine andere Nuance unterscheiden, wünschen).

PS: Laut Angaben von Baburin sind einige "Ungereimtheiten" in Folge der Batsford-Pleite und Übernahme durch Chrysalis inzwischen ausgeräumt.