Verlagsprogramm: Voland: Strategen im Hinterland

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Leseprobe: Strategen im Hinterland

 




Die Romanowskis, das Sterben und das Schach

Moskau, Februar 1943

Der Jahresbeginn 1943 war weltpolitisch ganz von den Kriegsereignissen um Stalingrad bestimmt.
Die im Stalingrader Kessel eingeschlossenen 22 deutschen Divisionen wurden im Januar immer enger eingeschnürt und zerfielen in zwei Teilkessel. Die deutschen Truppen konnten aus der Luft nicht einmal mit dem Nötigsten versorgt werden. Eine vom sowjetischen Oberkommando vorgeschlagene ehrenhafte Kapitulation der 6. deutschen Armee wurde abgelehnt. Zehntausende Deutsche verhungerten, erfroren oder starben an Verletzungen und Krankheiten. Allein in der letzten Januarwoche 1943 gingen 100.000 deutsche Soldaten an den Folgen der halsstarrigen Durchhaltepolitik ihrer Führer in Stalingrad zugrunde. Am 31. Januar und 2. Februar 1943 mußten beide Teilkessel kapitulieren. Nur 91.000 Deutsche überlebten. Für sie war der Krieg mit der Gefangennahme beendet.

Mit der Niederlage Hitlerdeutschlands in der Stalingrader Schlacht wurden gleichzeitig die an seiner Seite kämpfenden Satellitenarmeen Rumäniens, Ungarns und Italiens völlig vernichtet.

Die im Kaukasus-Vorland operierende deutsche Heeresgruppe mußte noch vor der Schlacht um Stalingrad ihr Kriegsziel - die Ölquellen am Kaspischen Meer und im Wolgagebiet - aufgeben, nachdem ihr drohte, von Nordwesten, aus dem Raum Rostow, ebenfalls abgeschnitten zu werden. Nur durch einen Hals-über-Kopf-Rückzug auf die Schwarzmeerhalbinsel Taman konnte sie sich Anfang 1943 noch aus der Schlinge ziehen.
So leitete die Niederlage Großdeutschlands in Stalingrad den siegreichen Vormarsch der Roten Armee auf breiter Front von Leningrad bis zum Kaukaus ein.


Im Februar 1943 fanden sich in Moskau 9 Spieler zu einem doppelrundigen Turnier anläßlich des 25. Gründungstages der Roten Armee zusammen. Die Meister Sagorjanski, Ragosin, Rawinski, Alatorzew, Panow und Judowitsch hatten in der stark besetzten XXII. Moskauer Meisterschaft fast durchweg gute Mittelplätze belegt. Zu ihnen gesellten sich der Balte Wladas Mikenas und der hervorragende Schachliterat, -pädagoge, -organisator und -praktiker Pjotr Romanowski (51). Der Name des 9. Teilnehmers ist unbekannt.
Romanowskis Start verlieh dem Turnier besonderes Interesse. Der Leningrader war erstmals 1907 im IV. Allrussischen Turnier in Erscheinung getreten, brachte seit Mannheim 1914, wo er in einem Nebenturnier spielte, internationale Erfahrung mit, war Teilnehmer an mehreren UdSSR-Meisterschaften, am II. Internationalen Turnier von Moskau im Jahre 1935 und vielen weiteren Wettbewerben.

Das Schicksal der Romanowskis ist das Schicksal vieler, vieler Sowjetbürger im 2. Weltkrieg gewesen. In Romanowskis Briefen an eine Freundin, deren Sohn von ihm Schach-Fernunterricht erhielt, wird vieles vom großen Leid ungezählter Menschen deutlich.
Ich bringe Auszüge aus I. S. Romanows Broschüre "Pjotr Romanovskij" (Moskau 1984).
Im ersten Brief vom 21. Januar 1941 lesen wir:

"Ein schreckliches Herzleiden hat mich 1939 überfallen, meinen Organismus in Mitleidenschaft gezogen. So muß ich schon das zweite Jahr unter strenger ärztlicher Kontrolle leben. Ich soll mich sehr schonen, obwohl ich gar nicht dazu komme. 4 Töchter wachsen heran: Kira - 17 jahre alt, Swetlana - 16, Rogneda - 14 und Anja - die 5jährige. Eine Mutter haben sie nicht mehr - sie ist bei der Geburt gestorben. Die Mädchen sind aber recht selbständig. Sie sind meine Freunde. Ärger gibt es selten mit ihnen."

Kein Jahr später wird Leningrad Frontstadt. Blockade, Hunger, Seuchen, Kälte, Tod, ...

Am 8. November gibt Romanowski in einem der vielen Hospitäler Leningrads eine Simultanvorstellung. Seine Tochter Swetlana holt ihn ab. Sie gehen durch die verdunkelten Straßen der Newa-Stadt. Einige Tage darauf kann er das Haus nicht mehr verlassen und schreibt am 15. Dezember 1941:

"Es gibt das stumpfe Wort 'müssen', dem alles unterzuordnen ist. Das Leben ist für mich jetzt sehr schwer geworden. Dagegen kann ich nichts tun. Schon lange kann ich nicht mehr auf die Straße. Während ich jetzt schreibe, zittern mir bei 19 Grad Kälte die Hände. Auf der Straße sind aber 20. Ich habe schon ein paar Stühle zersägt, um den kleinen Ofen zu heizen. Ein Zimmer mußte ich schon verschließen, womit es für uns noch enger wird. Die Abende beginnen schon gegen 4, und wir müssen uns dann wohl oder übel mit der selbst geschaffenen engen Behausung abfinden.
Die Mädchen sind ständig zu Fuß unterwegs, um das Essen aus dem Komitee für Körperkultur und Sport zu holen. Die Ärmsten müssen in dem schrecklichen Frost mehrere Stunden Schlange stehen. Aber sogar meine wunderbare Anka, die jetzt gerade hinter mir sitzt und mit Buntstiften malt, erklärt fest und entschlossen: 'Für unsere Rotarmisten bin ich zu allem bereit.' Sie paßt ganz genau auf, daß keiner von uns ihr zuliebe seine Brotration schmälert.
Unterdessen bin ich jede freie Minute mit meinen Schacharbeiten beschäftigt. Anja malt, die Mädchen holen wieder Suppe, und ich werde mich bald wieder über das Schachbrett und meine Notizen machen, um hier Gedanke an Gedanke zu reihen - alles wie von einem Fieberwahn getrieben. Ich bin von der Hoffnung beseelt, daß es der Nachwelt nützt. Gegenwärtig bin ich über einer Arbeit, die gewissermaßen der Traum meines Schachlebens ist und sich 'Götzenanbetung und Fetischismus sowie ihr Einfluß auf das schachliche Denken' betitelt. Ein sehr schwieriges, aber dankbares Thema, das vor allem Fragen des Konservatismus im schachlichen Denken berührt."

Mit diesem Brief wurde Romanowskis Korrespondenz für 3 Monate unterbrochen. Erst im folgenden Brief erfahren wir, was im schrecklichen Winter 1942 geschah:

"21. März 1942. Ich befinde mich jetzt im Eisenbahnerkrankenhaus der Stadt Alexandrow, 120 Kilometer von Moskau entfernt.
Wegen meines sehr bedenklichen Gesundheitszustandes bin ich hier aus dem Transport der Leningrad-Evakuierten abgesetzt worden.
In Leningrad ist mit meiner Familie eine Katastrophe geschehen. Am 6. Januar starb Agnessa Wassiljewna (Romanowskis Haushälterin, R.V.), am 10. Januar Swetlana, am 14. Januar mein Goldkind Anja, am 22. Januar Rogneda und am 26. Januar Kira. Nun bin ich allein.
Daß mir gleich alle fünf in dem von Gräbern übersäten, verschneiten und zerstörten Leningrad genommen wurden, kann ich nicht fassen. Mein Schmerz ist unbeschreiblich.
Eine halbe Stunde vor ihrem Tod hatte mir Anjutka noch zugelächelt und gesagt: 'Papotschka, Allerliebster, Allerbester, wir wollten doch nach dem Süden fliegen.' Kurz darauf verfiel sie in Schweigen, öffnete aber noch einmal die Augen, holte tief Luft und schied dahin ...
Nach dem Weggang meiner letzten Tochter Kirotschka machte ich mich wieder an eine neue, sehr schwierige schachhistorische Arbeit."

Und warum blieb der kranke Romanowski am Leben? Was hielt nach all diesen Schicksalsschlägen sein Lebensflämmchen aufrecht? War es die Ergebenheit gegenüber seiner noch nicht beendeten Arbeit, all die seelischen Qualen durchzustehen?
Tatsächlich kam Romanowski wieder auf die Beine, wurde aus dem Kranken-haus entlassen und gelangte zu seinem älteren Bruder nach Iwanowo. Hier wurde er schachlich wieder aktiv, trat in Hospitälern zu Simultanvorstellungen an, hielt Vorträge und startete außer Konkurrenz in der Stadtmeisterschaft.
Bis zur 9. Runde hatte Romanowski alle Partien gewonnen und mußte nun gegen seinen einzigen Verfolger spielen, der einen Punkt weniger in der Turniertabelle auswies:

Partie 75
Romanowski - Owetschkin
Französische Verteidigung

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e5 Sfd7 6.h4 a6 7.Dg4 h5 8.Dg3 L:g5 9.h:g5 g6 10.0-0-0 c5 11.d:c5 Sc6 12.f4 Da5 13.Sf3 S:c5 14.Df2 Tf8 15.Sd4 Ld7 16.Kb1 0-0-0 17.Le2 Kb8

18.Sdb5 Sa4 19.S:a4 D:a4 20.Sd6 Se7 21.Th3 Sc8 22.Ta3 Dc6 23.Tc3 Da4 24.Td4 Da5 25.Ta3 Dc7 26.S:b7 D:b7 27.L:a6 Db6 28.Tb3 D:b3 29.a:b3 Kc7 30.Tb4 Lc6 31.Dc5 Kd7 32.Tb7+ L:b7 33.Lb5+ Lc6 34.D:c6+
1:0

Damit hatte Romanowski alle 10 Partien dieser Meisterschaft gewonnen, wobei er auch seinen Bruder Alexander nicht verschonte:

Partie 76
A. Romanowski - P. Romanowski
Holländische Verteidigung

1.d4 f5 2.Sf3 Sf6 3.g3 e6 4.Lg2 d5 5.0-0 Ld6 6.c4 c6 7.b3 0-0 8.Lb2 Sbd7 9.Sc3 De8 10.Dc2 Se4 11.e3 Tf6 12.Se5 Th6 13.f3

13...Dh5 14.f:e4 D:h2+ 15.Kf2 L:e5 16.d:e5 S:e5 17.e:d5 Tg6 18.Tg1 D:g3+ 19.Kf1 Sg4 20.Sd1 Ld7 21.Ke2 c:d5 22.Dd2 Lc6 23.De1 Dh2 24.Sf2 d:c4 25.L:c6 b:c6 26.b:c4 Td8 27.Lc3 f4 28.e:f4 D:f4 29.T:g4 T:g4 30.S:g4 D:g4+ 31.Ke3 Dh3+ 32.Ke4 Dd3+ 33.Ke5 Df5#
0:1

Obgleich Leningrad später die Blockade durchbrach, war Romanowski nicht danach, in diese Stadt zurückzukehren. Seine Leningrader Zeit war mit der Familie dahingegangen ...
So siedelte er nach Moskau über, konzentrierte sich auf die Arbeit in Militäreinheiten und Hospitälern sowie seine schachliterarischen Arbeiten.

Endlich bot sich Romanowski im Februar 1943 die Möglichkeit, das erste Mal nach 1939 wieder an einem gut besetzten Turnier teilzunehmen. Nach langer Abstinenz und schweren seelischen Erschütterungen waren zwar keine hohen Resultate zu erwarten, aber Romanowski belegte in diesem Moskauer Meisterturnier einen guten Platz in der Tabellenmitte.
Auch von diesem Moskauer Kriegsturnier ist der Nachwelt wenig erhalten geblieben. Allein Romanowski und Panow ist es zu danken, daß 5 Partien überliefert sind. Erstaunlicherweise herrscht auch heute noch Unklarheit darüber, wer der 9. Starter in diesem doppelrundigen Turnier war.

Hier das Bekannte:


1./2. Sagorjanski 10 aus 16
1./2. Ragosin 10
3. Rawinski 9
4./6. Alatorzew 8½
4./6. Romanowski 8½
4./6. Panow 8½
7. Mikenas ?
8. Judowitsch ?
9. ? ?